
Roche gründet mit NVIDIA eigene KI-Fabrik
Der Basler Pharmakonzern Roche treibt seine Digitalstrategie mit Nachdruck voran und setzt dabei neue Maßstäbe in der Branche. Gemeinsam mit NVIDIA baut das Unternehmen eine „AI Factory“ auf, die zur größten bislang angekündigten Recheninfrastruktur eines Pharmaunternehmens wird. Im Wettlauf der Pharmakonzerne hat Roche damit den von Eli Lilly präsentierten Pharma-Supercomputer übertrumpft.
Der Basler Pharmakonzern Roche baut gemeinsam mit NVIDIA eine sogenannte AI Factory auf, die mit mehr als 3.500 Hochleistungs-GPUs zur größten bislang angekündigten Recheninfrastruktur eines Pharmaunternehmens wird. Noch vor wenigen Wochen hatte Eli Lilly einen Supercomputer als Branchenbenchmark präsentiert.
Es ist wie bei der Tour de France und der täglich neuen Frage, wer derzeit das „gelbe Trikot“ des führenden Rennradfahrers trägt. Vergleichbar gibt es den Wettlauf und das Buhlen um die engste Partnerschaft mit dem KI-Chipentwickler NVIDIA. Roche zieht nun an Eli Lilly vorbei und verleiht sich für den Moment selbst das gelbe Trikot.
Rechenleistung und eigene Datenumgebung
Im Kern geht es dabei um weit mehr als reine Rechenleistung. Die neue Infrastruktur soll künstliche Intelligenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette verankern, von der Wirkstoffforschung über klinische Entwicklung und Produktion bis hin zu Diagnostik und Vermarktung. Insbesondere in der frühen Forschung setzt Roche auf „Lab-in-the-Loop“-Ansätze, bei denen experimentelle Daten und KI-Modelle eng verzahnt werden, um Hypothesen schneller zu testen und neue Zielstrukturen zu identifizieren.
Dabei kommt nun nicht nur bei Roche, sondern bei vielen Pharmafirmen zum Tragen, was gerade für Außenstehende oder auch Kooperationspartner immer schwer zu fassen war: das vorhandene Wissen über millionenfache Testung und Analyse von Molekülstrukturen auf ausgewählte Zielmoleküle. Dieser immer sehr geheimgehaltene Datenschatz der Pharmafirmen (auch über die Lernkurve entlang von fehlgeschlagenen Hypothesen und Ansätzen) hat schon manches Machine Learning auf eigenen Bioinformatikplattformen gefüttert. Mit der Beschleunigung der internen Kapazitäten über eine Vergrößerung der Rechenleistung in NVIDIA-Partnerschaften kann hier eine neue Qualitätsstufe erreicht werden. Doch in eine Cloud will diesen Datenschatz keine Pharmafirma stellen. Darum entsteht nun ein Run auf Rechenzentren, auf Rechnerkapazitäten, die in der eigenen Kontrolle liegen.
Digitaler Zwilling, Simulation und neue Realitäten
Auch in der Produktion und Diagnostik soll die Technologie Wirkung entfalten: Digitale Zwillinge von Fertigungsanlagen ermöglichen effizientere Prozesse, während KI-gestützte Analysen großer Datensätze etwa in der Pathologie neue Krankheitsmuster aufdecken können. Die nun ausgeweitete Kooperation mit NVIDIA, die bereits 2023 mit der US-Tochter Genentech begann, wird damit auf den gesamten Konzern ausgerollt.
Roche fängt damit nicht gerade erst an. Alle Pharmafirmen haben bereits eine mehr oder weniger umfangreiche Digitalisierung der Prozesse und des internen Wissens vollzogen. Selbst in der Bautätigkeit, die bei Roche etwa an den deutschen Standorten Penzberg und Mannheim eine regelmäßige Wiederkehr von Grundsteinlegungen, Richtfesten und Eröffnungen von neuen Forschungzentren oder Produktionsstätten zeitigt, wird in der Vorplanungsphase ein hohes Maß an Simulation zur idealen Struktur und Nutzung neuer Gebäude im Kontext zum Bestand und derzeitigem Nutzerverhalten eingesetzt, wie man dieser Tage auf dem Labor-Impuls-Forum in München vorgeführt bekam.
„Wie viel Zeit haben Sie denn?“
Für Roche-CEO Thomas Schinecker war der persönliche Besuch bei NIVIDIA eine seiner ersten Amtshandlungen nach der Berufung auf den Führungsposten im März 2023. Die Digitalstrategie des Konzerns, KI als Kern und neue Seele von Roche, sind Schinecker ein persönliches Anliegen. Wer ihn danach auf den jährlichen Pressegesprächen des Unternehmens fragt, kann jedoch auch eine Gegenfrage als Antwort erhalten: „Wie viel Zeit haben Sie denn?“, lautete das dann aus dem Munde Schineckers bei einem Besuch am Standort Penzberg vor einigen Monaten. Dass Eli Lilly einige Wochen vor Roche schlagzeilenträchtig einen solchen Aufschlag platzieren konnte, wird die Unternehmensleitung in Basel nicht groß irritiert haben – im Wissen, dies nun mit einem noch größeren Wurf kontern zu können.
Da trifft es sich gut, dass Roche mit der US-Einheit Genentech in direkter Nähe zu NIVIDIA angesiedelt ist. Die Kooperation wird über Genentech laufen. „Indem wir die Leistungsfähigkeit von KI-Modellen und -Algorithmen mit unseren einzigartigen Daten und Experimenten nutzen, erschließen wir wissenschaftliche Entdeckungen mit enormer Geschwindigkeit und gewinnen Erkenntnisse in bislang unerreichter Größenordnung“, sagte die Israelin Aviv Regev (Foto), EVP und Leiterin von Genentech Research and Early Development (gRED), die vor einigen Jahren vom Broad Institute und dem MIT in Boston an die Sonnenküste gewechselt war. „Die Verbindung von Wissenschaft und Technologie war schon immer die Grundlage biomedizinischer Durchbrüche bei Genentech. Wir freuen uns, gemeinsam mit NVIDIA unsere Wirkstoffforschung und -entwicklung weiter zu optimieren, um Therapien zu entwickeln, die das Leben von Menschen verändern.“
„Die größte Wirkung generativer KI wird darin bestehen, die Life-Sciences- und Gesundheitsbranche grundlegend zu revolutionieren“, kommentierte Jensen Huang, Gründer und CEO von NVIDIA. „Unsere Zusammenarbeit beim Aufbau der nächsten Generation der KI-Plattform von Genentech wird das Tempo der Wirkstoffforschung und -entwicklung erheblich beschleunigen.“
Um Entwicklungszeiten zu verkürzen und Innovationen schneller zu den Patienten zu bringen, ist KI ein entscheidender Wettbewerbsvorteil in einer Branche, in der Geschwindigkeit zunehmend über den Erfolg entscheidet – und auch darüber, wer gerade das gelbe Trikot trägt.

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Flinn.ai